Lohnt sich die Umrüstung von Euro-5 auf Euro-6?

Seit 2014 gilt europaweit die Abgasnorm Euro-6 für Neufahrzeuge. Ältere Dieselfahrzeuge könnten künftig Probleme bekommen. Doch ist eine Umrüstung überhaupt sinnvoll?

14.06.2018

PKW auf dem Prüfstand bei der Abgasmessung

Eine Umrüstung älterer Dieselmotoren soll diese sauberer machen. Dabei wird der Stickoxid-Ausstoß des Fahrzeugs reduziert. Um eine Euro-6-Plakette zu erhalten, darf der Grenzwert von 80 mg/km nicht überschritten werden. Je nach Fahrzeug erfolgt dies durch ein schnelles und vergleichsweise kostengünstiges Software-Update. Manche Modelle erfordern größere Nachrüst- und Umbaumaßnahmen. Die Umrüstung kann prinzipiell in jeder Fachwerkstatt vorgenommen werden. Wer auch zukünftig möglichen Diesel-Fahrverboten entgehen möchte, steht vor einer klaren Kosten-Nutzen-Frage.

1. Drohen Dieselfahrverbote auch in Österreich?

Mögliche Fahrverbote verunsichern Diesel-Fahrer in ganz Europa. In Deutschland sind solche Verbote für Städte mit hoher Luftbelastung bereits zulässig. Nun fürchten viele ähnliche Sanktionen auch in Österreich. Auf politischer Ebene darf aber aufgeatmet werden. Im Feinstaub belasteten Graz wird seit Jahren über Fahrverbote für Dieselfahrzeuge diskutiert. 2012 ließ Bürgermeister Siegfried Nagl die Bewohner der Stadt entscheiden. Damals stimmte die Mehrheit gegen die Einführung einer Umweltzone. Ähnlich ging es der Debatte in Wien. Oft wird nach einer Lösung im Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs gesucht.

Grundsätzlich ist die Situation in Österreich weniger brisant als in Deutschland. Im Jahresmittelwert liegt Österreich unter den vorgegebenen Emissionsgrenzwerten der EU. Dennoch ist die Schadstoffbelastung in Ballungsräumen oder entlang viel befahrener Straßen hoch. In Wien, Graz, Salzburg oder auch kleineren Städten wie Hallein und St. Pölten werden die Grenzwerte des Immissionsschutzgesetz (IG-L) häufig überschritten. In Tirol werden vor allem kritische Stickstoffoxidwerte gemessen, zu deren Hauptverursacher Dieselfahrzeuge gehören.

Im Moment sind Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Österreich, wenn überhaupt, nur angedacht. Konkrete Pläne oder Gesetzesentwürfe gibt es derzeit nicht. Ein Fahrverbot würde vor allem Besitzer älterer Dieselmodelle treffen. Welche Schadstoffklassen davon genau betroffen wären, hängt von mehreren Faktoren ab. Generell gilt: Wer ein Dieselfahrzeug bis Euro-Norm-4 besitzt, müsste mit massiven Einschränkungen rechnen.

Wie sieht es in Italien aus?

In Italien sind die Einheimischen Fahrverbote mittlerweile gewohnt. In der Lombardei gilt seit Jahrzehnten ein Fahrverbot für alte Dieselfahrzeuge im Winter. Mailand verbannte 2012 alle Dieselfahrzeuge bis Euro-4 aus der Innenstadt. Begehrte Touristenziele wie Rom und Florenz sind ebenfalls mit Fahrverbotszonen gespickt. In den kommenden Jahren sollen die Fahrverbote auf alle Schadstoffklassen ausgedehnt werden. Dennoch erfreut sich der Diesel immer noch großer Beliebtheit. 56,7 Prozent der in Italien zugelassenen Fahrzeuge sind Diesel.

2. Überblick über die Schadstoffklassen der in Österreich zugelassenen Dieselfahrzeuge:

Euro 6

  • Anzahl der Fahrzeuge: 166.000
  • Anteil in Prozent: 6%

Euro 5

  • Anzahl der Fahrzeuge: 873.000
  • Anteil in Prozent: 32%

Euro 4

  • Anzahl der Fahrzeuge: 782.000
  • Anteil in Prozent: 29%

Euro 3

  • Anzahl der Fahrzeuge: 652.000
  • Anteil in Prozent: 24%

Euro 1 und 2

  • Anzahl der Fahrzeuge: 250.000
  • Anteil in Prozent: 9%

3. Möglichkeiten und Kosten einer Umrüstung

Bei den verschiedenen Umrüst-Techniken wird grundsätzlich zwischen einer Software-Lösung und einer Hardware-Lösung unterschieden. Bei ersterer wird die Software der Motorsteuerung neu aufgespielt. Automobilhersteller wie Audi, Mercedes, Renault und VW bieten für bestimmte Fahrzeuge kostenlose Updates an. Für alle anderen kostet es um die 100 Euro. Eine Hardware-Lösung hingegen benötigt zusätzliche Komponenten. Die Kosten für die zusätzlichen Bauteile variieren je nach System zwischen 1.500 und 3.300 Euro.

4. Wie funktioniert die Software-Lösung?

Bei einem Software-Update geht es darum, die Verbrennungstemperatur im Motor anzupassen. Gleichzeitig sollen Zeitfenster abgeschafft werden, in denen die Abgasnachbehandlung aufgrund zu tiefer Temperaturen aussetzt. Eine Software-Lösung würde demnach den geringsten Aufwand bedeuten. ÖAMTC-Tests zufolge sind die Stickoxid-Emissionen bei Fahrzeugen teilweise um bis zu 60 Prozent gesunken. Dennoch ist es nicht bei jedem Fahrzeug gegeben, dass die Software-Lösung auch den gewünschten Erfolg bringt.

Prüfen Sie vor einem Software-Update genau, ob die erzielte Reduktion den Grenzwert auch einhält.

5. Wie funktionieren die Hardware-Lösungen?

Eine Methode, den Stickoxid-Ausstoß bei Dieselmotoren zu verringern, sind SCR-Katalysatoren. Durch die Reaktion mit Ammoniak werden Stickoxide in Stickstoff und Wasser zerlegt. Hierbei wird eine Stickstoffreduzierung von bis zu 90 Prozent erzielt. Für die Umrüstung benötigen PKW einen zusätzlichen Tank. Das Additiv namens AdBlue wird darin aufbewahrt und in das Abgasnachbehandlungssystem geleitet. Verschiedene Hersteller bieten alternative Nachrüstlösungen an. Am bekanntesten sind die Systeme von Twintec-Baumont und Amminex.

Das System BNOx von Twintec-Baumont basiert ebenfalls auf einer AdBlue-Anlage. Im Gegensatz zu dem herkömmlichen SCR-System entsteht das Ammoniak nicht erst im Auspuffrohr. Ein kleiner elektrischer Generator erzeugt das Ammoniak vorher und spritzt es dann direkt ein. Der Hersteller verspricht dadurch eine reale Stickstoffreduzierung von bis zu 94 Prozent. Noch ist das System nicht lieferbar. Die reinen Anschaffungskosten belaufen sich auf circa 1.500 Euro.

Die BlueFit-Lösung von Amminex ist eine Mischung aus einem SCR-Katalysator und zwei Ammoniak-Patronen, die in der Reserveradmulde untergebracht werden. Laut Hersteller bleiben bei dieser Variante Motorraum, Motor-Kalibrierung, Diesel-Partikelfilter und das Stromnetz unberührt. Das Volumen der zwei Patronen entspricht in etwa 16 Liter AdBlue. Nach 15.000 Kilometer müssen sie ausgetauscht werden. Das System erzielte in einem Test der TU Graz eine Stickoxid-Minderung von 95 Prozent. Der Verkaufsstart ist für Mitte 2018 geplant.

Nicht jedes Fahrzeug lässt sich mit den einzelnen Systemen kombinieren.

6. Ganz ohne Nachteile geht es nicht

Bei einer Software-Lösung für Euro-5-Fahrzeuge ohne SCR-Technologie sind die Erfolgschancen ziemlich gering. Da die Stickoxide durch die Einspritzung von zusätzlichem Kraftstoff reduziert werden, setzt die Software an der Abgasrückführung an. Dadurch wird meist nur eine geringe Schadstoffminderung erzielt. Zudem drohen durch die gesteigerte Abgasrückführung Schäden am Motor und ein erhöhter Kraftstoffverbrauch.

Bei einer Hardware-Lösung steigt der Kraftstoffverbrauch ebenfalls. Die zusätzlich verbauten Komponenten benötigen Energie. Bei Testfahrzeugen wurde ein Anstieg von 0,1 bis 0,3 Liter pro 100 Kilometer gemessen. Hinzu kommt der AdBlue-Verbrauch. Ein bis zwei Liter der Harnstofflösung werden pro 1.000 Kilometer benötigt. Nach ÖAMTC-Recherchen kosten 10 Liter AdBlue derzeit etwa 20 Euro. Außerdem muss Platz für einen zweiten Tank geschaffen werden.

7. Fazit

Aus Sicht der Umwelt ist eine Umrüstung auf Euro-6 durchaus sinnvoll. Ob eine Umrüstung auch für Ihr Fahrzeug sinnvoll wäre, ist eine Frage der Kosten und des Nutzens. Die vergleichsweise günstigen Software-Updates bringen nur bedingt den erhofften Erfolg. Dieser hängt stark von dem Fahrzeug und dem darin verbauten Motor ab. Eine Hardware-Lösung hingegen verspricht höhere Erfolgschancen. Prüfen Sie daher im Vorfeld, welche Lösung für Sie in Frage kommt und ob sich der Aufwand für Sie lohnt. Welche Gesamtkosten dabei genau auf Sie zukommen würden, ist derzeit aber noch schwer abzuschätzen.

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