Elektronischer Schutzengel: eCall ab März 2018 Pflicht

Zum 31. März 2018 ist der Einbau des automatischen Notrufs eCall in Neuwagen Pflicht. Doch was hat es mit dem System auf sich, das EU-weit Leben retten soll?

21.03.2018

SOS-Button im Auto

Kommt es zum Unfall, gestaltet sich der eigenständige Notruf aufgrund von Verletzungen und Überforderung häufig schwierig. Dabei entscheiden in vielen Fällen wenige Minuten über Leben und Tod. Infolgedessen fährt ab dem 31. März 2018 ein elektronischer Schutzengel in allen Neuwagen mit. Das bordeigene System eCall kontaktiert im Moment des Aufpralls den Notruf und führt die Retter schnellstmöglich zum Unfallort. Nach Schätzungen der EU-Kommission kann sich die Zahl der Unfalltoten damit um zehn Prozent verringern. Erfahren Sie hier alles rund um Funktionen, Pflichten und Probleme des eCall.

1. Der eCall in Kürze

Ab Ende März ist die serienmäßige Ausrüstung aller Neuwagen mit dem Notrufsystem eCall Pflicht. Das hat die Europäische Union in ihrer Verordnung 2015/758 für alle neuen PKW und leichten Nutzfahrzeuge beschlossen. Für Autolenker gilt es nun, sich mit dem System auseinanderzusetzen, das laut EU-Kommission in ganz Europa für zehn Prozent weniger Unfalltote sorgen soll.

Der eCall, kurz für Emergency Call oder Notruf, ist ein europaweit funktionierendes System, das im Fall eines Unfalls Sprachverbindung und Kontakt zur 112 und der nächstgelegenen Rettungsstelle herstellt. Über Mobilfunk und Satellitenortung übermittelt eCall wichtige Daten zu Fahrzeug, Insassen, Standort und dem Auslöser, der Rückschlüsse auf die Art des Unfalls zulässt. Durch den automatisch abgesetzten Notruf, der auch manuell ausgelöst werden kann, verstreichen nicht länger wertvolle Minuten bis zum Notruf – ein Umstand, der Leben rettet.

2. Die Ziele des eCall-Systems

Im Jahr 2016 starben in ganz Europa 25.500 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr, 135.000 wurden schwer verletzt. Trotz der seit einigen Jahren rückläufigen Quoten verloren 2017 allein in Österreich 413 Menschen bei Verkehrsunfällen ihr Leben. Von der angestrebten Vision Zero, einer Welt ohne Verkehrstote und Schwerverletzte, sind europäische Straßen also weiterhin weit entfernt. Die EU hatte aus diesem Grund bereits für Oktober 2015 die Einführung des automatisierten Notrufsystems eCall geplant. Damals scheiterte sie jedoch an den Protesten von Datenschützern. Mit der jetzt stattfindenden, flächendeckenden Durchsetzung verfolgt die EU folgende Ziele:

  • Europaweite Senkung von Todesfällen um 2.500 im Jahr
  • Schnellere und effektivere medizinische Hilfe bei Unfällen
  • Reduktion der Schwere von Unfallfolgen um bis zu 15 Prozent
  • Verringerung von Reaktionszeiten um bis zu 50 Prozent in ländlichen Gebieten und 40 Prozent in der Stadt

Insbesondere der letzte Aspekt zeigt eine Problematik auf europäischen Straßen, bei der eCall eine sinnvolle Hilfe für Verkehrsteilnehmer bietet. In abgelegenen oder weniger besiedelten Gebieten dauert es häufig lange, bis potentielle Ersthelfer auf einen Unfall aufmerksam werden. Insassen eines verunglückten Fahrzeugs sind aus Gründen wie Bewusstlosigkeit, Verletzung oder Überforderung allerdings nicht immer selbst in der Lage einen Notruf abzusetzen. Durch einen automatisierten eCall würde die Reaktionszeit bis zur Kenntnisnahme durch Rettungskräfte auf ein Minimum herabgesetzt und Hilfe für Verletzte wäre wesentlich schneller zur Stelle.

Erste Hilfe trotz eCall

Obwohl eCall schnellstmöglich Hilfe anfordert, sind Autolenker dennoch zu Erster Hilfe verpflichtet. So werden zum einen ab dem 31. März nicht alle Wagen mit eCall-Funktion ausgerüstet sein, da die Verpflichtung zum Einbau nur für Neuwagen gilt. Zum anderen müssen selbst bei eCall-fähigen Fahrzeugen entsprechende Maßnahmen wie eine Absicherung der Unfallstelle oder Hilfe für Verletzte ergriffen werden.

3. Wie funktioniert der eCall?

Der eCall ist als sogenanntes „schlafendes“ System angelegt, das erst durch Feedback der Crash-Sensoren oder bei manueller Auslösung eine Mobilfunkverbindung herstellt. Die manuelle Betätigung kann beispielsweise auch durch andere Verkehrsteilnehmer erfolgen, die einen beobachteten Unfall melden wollen. Kontaktiert wird daraufhin die nächstgelegene Notrufzentrale unter der einheitlichen Nummer 112.

eCall Grafik

Die manuelle Auslösung kann durch Lenker oder Insassen auch dann erfolgen, wenn kein eigentlicher Verkehrsunfall stattgefunden, sondern sich ein schwerer medizinischer Notfall ereignet hat. Damit der eCall effektiv funktioniert, verfügen Neuwagen über die folgenden Ausstattungsmerkmale:

  • GPS-Empfänger zur genauen Bestimmung der Position
  • Steuergerät zur Standortmeldung
  • GSM-Antenne zum Absetzen des Notrufs
  • eCall-Steuerung zur Erfassung der Daten und zum Verbindungsaufbau
  • Freisprecheinrichtung zur Kontaktaufnahme mit Insassen
  • Notstromversorgung zur Abdeckung eines Batterieausfalls
  • Schalter zum manuellen Absetzen des Notrufs
  • Kontrollleuchte zur Erkennung der Funktionsfähigkeit des Systems
  • Rettungskarte mit genauen Informationen zum Fahrzeug
  • Crash-Sensor zur Einordnung der Unfallbedingungen

Neben der Ausstattung zur Übermittlung der Position sind es vor allem die im Fahrzeug verbauten Crash-Sensoren, die wichtige Daten zum Unfall liefern. Sie lassen Rückschlüsse auf Art und Schwere des Unfalls zu, indem sie beispielsweise das Auslösen des Airbags vermerken. Durch die übersandten Daten sind Rettungskräfte schon beim Eintreffen auf die Bedingungen vor Ort vorbereitet. Zur zusätzlichen Ausstattung gehört idealerweise eine Taste zum Rufen des Pannendienstes.

4. Welche Daten werden übermittelt?

Damit die Rettungshelfer die Unfallstelle lokalisieren und mit möglichst vielen Informationen bestmöglich helfen können, übermittelt der eCall alle relevanten Daten. Wird der elektronische Notruf automatisiert oder durch die manuelle Betätigung einer Taste ausgelöst, so werden in jedem Fall folgende Informationen weitergeleitet:

  • Fahrzeugposition: geographische Länge und Breite sowie die letzten beiden Fahrzeugpositionen nach Längen- und Breitengradunterschied zur aktuellen Position
  • Steuerungsdaten: automatisierte oder manuelle Auslösung, Kennung als Test oder Notruf, Fahrzeugklasse, Positions-Verlässlichkeitsbit
  • Zeitpunkt des Unfalls und Fahrtrichtung
  • Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN): 17-stellige Nummer zur eindeutigen Identifizierung eines Fahrzeugs nach ISO 3779
  • Art des Antriebs: Elektro, Diesel, Benzin oder Gas
  • Anzahl der Insassen: nach der bekannten Zahl angelegter Gurte

Eine Aktualisierung der Daten, beispielsweise bei einem Halterwechsel, ist derweil nicht nötig, da die bordeigene eCall-Technik keine Speicherung von Daten zum Lenker oder Halter vornimmt.

Wer wird durch eCall informiert?

Daten werden von eCall nach einem Unfall nur an die Rettungsleitstelle übermittelt! Nur durch eine bewusste Einstellung durch den Fahrzeughalter kann auch eine Übermittlung an den Hersteller erfolgen.

5. Der eCall und die Debatte um den Datenschutz

Per Regelung der Europäischen Union müssen die Hersteller garantieren, dass die eCall-Technologie in jedem Fall mit der vollständigen und andauernden Löschung aller erhobenen Daten einhergeht. Eine Weitergabe durch die Notdienste an Dritte ist ohne die ausdrückliche Zustimmung der Fahrzeuginhaber verboten. Um zu verhindern, dass die Position von Fahrzeugen verfolgbar ist, fungiert eCall wie bereits erwähnt als schlafendes System. Dadurch soll gesichert werden, dass eCall nur bei einem tatsächlichen Verkehrsunfall Daten automatisch überträgt. Kritikern zufolge ebne die Technik allerdings den Weg zum “gläsernen Autolenker” in einer umfassenden Überwachungsstruktur, da sich die strengen Datenschutzbestimmungen der EU nur auf das eCall-System beziehen.

Die bevorstehende Einführung von eCall trat eine Datenschutz-Debatte los, welche im Jahre 2015 die Aufschiebung seiner Umsetzung zur Folge hatte. Auch innerhalb des Parlaments sorgte die Handhabung des Datenschutzes für die wohl größte Diskussion. Kritiker werfen dem Notfallsystem vor, eine potentielle Gefahr für persönliche Daten darzustellen. Vor allem Hersteller und Versicherer zeigen bereits jetzt großes Interesse an den erhobenen Informationen. Der allgemeine Tenor sieht eine große Gefahr in den kommerziellen Zusatzdiensten, die mit Einführung des eCall-Systems einhergehen würden. Gefahren für die informationelle Selbstbestimmung der Fahrzeughalter würden sich aus diesen ergeben, da die Zusatzdienste im Gegensatz zu eCall ständig mit dem Netz verbunden sein dürfen. Autolenker, die diesen Risiken möglichst effektiv entgehen wollen, sollten sich daher an das reine eCall-System halten, das sich uneingeschränkt erst bei einem Unfall mit dem Netz verbindet.

Forderungen des Automobilclubs ÖAMTC

In der anhaltenden Debatte erhoffen sich Datenschützer aber auch Österreichs größter Automobilclub mehr Regulierungen. Der ÖAMTC fordert beispielsweise:

  • Strenge Einhaltung österreichischer und europäischer Datenschutzgesetze
  • Ausschließliches Versenden von Daten im Fall eines Unfalls
  • Erhebung der Daten nur für Rettungszwecke
  • Keine Weitergabe an Dritte oder Nutzung zu anderen Zwecken
  • Ausdrückliche Erlaubnis von Fahrzeughaltern zur Übermittlung

6. Ist die Deaktivierung des eCalls möglich?

Eine Deaktivierung des eCall ist nicht vorgesehen und durch die tiefergehende Verbindung mit den internen Systemen nahezu unmöglich. Angesichts der Pflicht zum Vorhandensein bei Neuwagen wäre die Möglichkeit zum schlichten Abschalten auch eine eher hinderliche Funktion. Da eCall Bestandteil der Typenzulassungsprüfung ist, würde das Fahrzeug mit der Entfernung sogar seine Betriebserlaubnis verlieren und die Teilnahme am Straßenverkehr würde somit unzulässig. Bei der Entdeckung, beispielsweise nach einem Unfall, droht zudem der Entzug des Versicherungsschutzes.

7. Müssen Fahrzeuge mit eCall nachgerüstet werden?

Für Gebrauchtwagen besteht prinzipiell keine Nachrüstungspflicht, da die Gesetzgebung bezüglich eCall lediglich Neuwagen betrifft. Wer jedoch nicht auf die Vorteile eines Systems zum automatischen Notruf verzichten möchte, findet auf dem Markt zahlreiche Alternativen. Diese lassen sich in der Regel leicht über den Zigarettenanzünder oder eine OBD2-Schnittstelle verbinden.

OBD2

Die On-Board-Diagnose (OBD) kontrolliert alle Systeme und gibt beispielsweise bei Reparaturen Auskunft über alle wichtigen Werte. Seit 2004 verfügen alle europäischen Neuwagen über OBD2. Die Schnittstelle bietet nicht nur verlässliche Daten, etwa über Abgase oder Verbrennungsaussetzer, sondern kann auch zum Anschluss eines automatischen Notruf-Systems verwendet werden.

Einige der Lösungen sind mit hohen Mehrkosten verbunden, andere melden schon kleinere Unfälle dem Versicherer. Interessenten sollten Kosten, Vor- und Nachteile immer genau vergleichen. Zur Übersicht finden Sie in der folgenden Tabelle einen Vergleich der wichtigsten Eigenschaften von eCall, dem Unfallmeldedienst der KFZ-Versicherungen und automatischer Notruf-Systeme. Diese unterscheiden sich besonders in Anschaffungs- und Haltungskosten von Anbieter zu Anbieter.

eCall

  • Anschaffungskosten: keine
  • Haltungskosten: herstellerabhängig
  • Übertragungsart: SIM
  • Voraussetzungen: Galileo und GSM, Antenne, Steuergerät
  • Manueller Notruf: Ja
  • Vertragsbindung: Nein
  • Nutzer: 1

Unfallmeldedienst

  • Anschaffungskosten: keine
  • Haltungskosten: Jahresbeitrag ca. 9 – 40 €
  • Übertragungsart: Bluetooth
  • Voraussetzungen: Zigarettenanzünder (12 Volt), Smartphone-App
  • Manueller Notruf: Ja
  • Vertragsbindung: Ja
  • Nutzer: < 5

Automatischer Notruf

  • Anschaffungskosten: ca. 119 - 1000 €
  • Haltungskosten: Jahresbeitrag ca. 0 – 80€
  • Übertragungsart: Bluetooth
  • Voraussetzungen: OBD2-Schnittstelle, Smartphone-App
  • Manueller Notruf: meistens
  • Vertragsbindung: teilweise
  • Nutzer: 1 - unbegrenzt

8. Ausblick: eCall als elektronischer Lebensretter

Spätestens ab April 2018 fährt in jedem Neuwagen ein elektronischer Schutzengel mit, der im Fall eines Unfalls sofort Hilfe anfordert. Das System eCall schafft mit manueller oder automatisierter Auslösung und den übertragenen Daten alle Voraussetzungen zur Erreichung der EU-Ziele. Durch schnellere und effektivere Hilfe sollen die verkehrsbedingten Todesfälle um zehn Prozent gemindert und eine Reduktion der Schwerverletzten erreicht werden. Allerdings sollten sich Fahrzeughalter nicht zuletzt angesichts einiger Risiken seitens des Datenschutzes sehr genau mit eCall auseinandersetzen.

Dank der strengen EU-Richtlinien ist allerdings zumindest die alleinige Nutzung von eCall, unter Ausschluss der potenziellen Zusatzdienste, ein sicheres Unterfangen für Insassen wie auch ihre informationelle Selbstbestimmung. Mit seinem schnellstmöglichen Kontakt zur nächstgelegenen Notrufstation, in der die Helfer dank übermittelter Daten zudem auf die Rahmenbedingungen des Unfalls vorbereitet sind, zeigt eCall hohes Potenzial österreichische wie europäischen Straßen zu einem sichereren Ort zu machen.

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